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63) 11.-15. Mai: Agua Dulce erreicht!

15. Mai, Tag 46, km 731

Heute haben wir nach 8 Tagen und 7 Übernachtungen Agua Dulce (Sweetwater) erreicht. Und wir haben wieder Netz für ein Update unseres Blogs!


11. Mai, Tag 42

Nach dem gestrigen Regentag auf dem Campingground Little Jimmy, sah es heute früh am Morgen schon freundlicher aus. Sind etwas später aufgebrochen, um Zelt und Co. trocknen zu lassen und nochmals auf unseren (gestrigen) Hochzeitstag anzustoßen. Auf dem Programm steht heute unsere erste Detour! Aufgrund von Schutzmaßnahmen für den Mountain yellow-legged Frog ist ein Teil der Strecke gesperrt. Es gibt einige Optionen. Wir entscheiden uns einen Teil über die Passstraße zu laufen, um etwa 10 Meilen später wieder auf den PCT zurückzukehren. Für den Naturschutz tun wir das natürlich gerne ;-) Spät am Abend haben wir einen tollen Platz fürs Zelt gefunden.


12. Mai, Tag 43

Es ist Sonntag, Muttertag. Wir brechen früh auf, da wir 30 km schaffen wollen. Nach einer Meile erreichen wir Camp Glennwood, um unseren Wasservorrat aufzufüllen. Dort gibt es tatsächlich einen Briefkasten, in den man unfrankierte Postkarten einwerfen kann. Das nutzen wir natürlich und schreiben Sandra aus Luxemburg und Gabi, unserer Blogübersetzerin, eine Karte. Sind gespannt, ob die ankommen! Hier lernen wir auch Matt kennen, der alleine läuft. Matt war bereits 2016 auf dem PCT. Musste aber in der Sierra wegen zu großem Gewichtsverlust aufgeben. Dieses Mal ist er besser vorbereitet.


Eine Meile später: Trailmagic!!! Unglaublich, am Wegesrand nahe eines Parkplatzes steht ein reich gedeckter Tisch. Mutter Jenell und Sohn Andreas aus Los Angeles versorgen vorbeikommende Hiker mit den schönsten Sachen: Softdrinks, Bier, Obst, Sandwiches, homemade Humus und Süßigkeiten, auch Selbstgebackenes, lassen unsere Herzen schneller schlagen. Ein weiteres Hiker-Pärchen, Blue Jay und Mango, kommt hinzu, etwas später Matt, der feststellen muss, dass er sein GPS-Gerät bei der vorletzten Pause hat liegenlassen. Er wollte gerade seiner Mutter zum Muttertag "Texten", als es ihm auffiel.Trailangel Jenell fährt ihn kurzerhand mit dem Auto einige Meilen den Pass hoch, 3 Meilen muss er dann noch hin und zurück zu Fuß zurücklegen, bevor er sein Gerät wiederfindet. Am Pass wird er eine Stunde später, wie ausgemacht, wieder von Jenell abgeholt. Wir kriegen den erfolgreichen Ausgang gerade noch im Gehen mit. Da Mittagszeit ist, wird der Tisch aufgelöst und wir können uns mitnehmen, was wir wollen! Der Tag ist essenstechnisch gerettet. Sind aber noch nicht wirklich weit gekommen, fühlen uns aber total gestärkt.


Eine Meile später treffen wir an einem weiteren Parkplatz auf drei lustige Amerikaner mit mexikanischen Wurzeln, die Trailrunning betreiben - Ken, Tim und Constable. Brot, Bananen und Coca Cola werden auf den Tisch gestellt. Wir müssen wieder essen ;-) Eine tolle Begegnung! Vor allem Ken ist total begeistert von uns, Deutschland, der Geschichte, den Gebäuden. Wurden eingeladen mit nach Lancaster zu kommen, mussten aber leider weiter ... Eine Stunde später geht's mal wieder weiter. Mit im Gepäck natürlich Brot und Bananen! Es ist kurz nach 15 Uhr und wir sind ganze 4 km gelaufen! Am Ende sind's dann noch versöhnliche 25 km, das ist okay. Wir finden einen Zeltplatz etwas oberhalb einer örtlichen Firestation. Toller Sonnenuntergang mit tollem Blick!


13. Mai, Tag 44

An der Firestation gab es Wasser (keine echte Überraschung 😁), es sollte für die nächsten 30 km reichen. Und die wollten wir auch machen, nach dem lazy Magic-Sonntag. Ein Arbeitstag, an dem man jeden einzelnen Kilometer zählt. An der Firestation treffen wir auf Stefan aus der Schweiz, dem wir an dem Tag noch ein weiteres Mal begegnen sollten. Stefan ist Maschinenbau-Ingenieur und kümmert sich auch um Marken und Patente. Brexit ist ein Thema. Haben ihn an der Firestation eine halbe Stunde, etwas später im Wald eine ganze Stunde lang interviewt! Am späten Abend fanden wir auf dem Gelände der North Fork Ranger Station einen Zeltplatz. Dort gab es auch Wasser, das der Ranger täglich den Hikern zur Verfügung stellt!


14. Mai, Tag 45

Am Morgen lernen wir Nadine, Grafikerin aus Stuttgart, und ihren amerikanischen Mann Russell kennen. Ihre Herzen haben sich 2015 an einer Wasserstelle auf dem PCT getroffen. Liebe auf den ersten Schluck! Sie haben den PCT damals zwar nicht beendet, sind aber seitdem ein Paar und haben vor einem Jahr geheiratet. Dieses Jahr machen sie den PCT als Honeymoon. Wir staunen als wir erfahren, dass sie doch tatsächlich eine Woche vor uns gestartet sind. Langsamer als wir! Die ersten ... auch so Genießer wie wir ... Ein schönes Interview folgt.


Heute wollten wir eigentlich Agua Dulce erreichen, doch es kommt wieder anders: Nach 12 km bergab treffen wir an einem Parkplatz Sonny, ein Schwede, der seit langem in Amerika lebt. Er steht mit seinem riesigen Wohnmobil auf einem Parkplatz und begrüßt Hiker. Er wollte der schwedischen Kälte entfliehen ... Nadine und ihr Mann sind schon dort. Ebenso der ehemalige Marine-Offizier Victor, Trailname Semper Gumby. Er ist der erste Southbounder, den wir treffen. Er geht den PCT also von Nord nach Süd. Warum? "Weil es alle anderen anders machen." Er gibt sich ganz frei, hat keinen festen schedule. Ein echter Philosoph! Tolles Interview mit ihm. Darum machen wir den Film; weil es hier so wahnsinnig tolle Menschen gibt!!! "Schlechte Menschen laufen nicht den PCT - das ist für die zu anstrengend".


Tja, dass war es dann erstmal mit dem Laufen. Wir sind dort bis zum Abend geblieben und haben zusammen gegessen. Sonny hat Hamburger gegrillt. Im Prinzip müsste man den PCT über zwei Jahre verteilen, um nicht nur Kilometer abzuspuhlen, sondern alle besonderen Orte, Personen und Situationen wirklich auskosten und genießen zu können! Allzuoft muss man weiter, um das Tagespensum zu schaffen. Eigentlich schade! Wir versuchen einen Kompromiss zu finden: Laufen und Land und Leute begegnen. Am Abends sind wir für unser "feeling" dann noch 8 km gelaufen, haben also die 20 Kilometer voll gemacht und sind bei Cowboycamping mit Blick auf den Freeway 14 eingeschlafen.


15. Mai, Tag 46

Die Nacht war feucht, am Morgen waren unsere Schlafsäcke recht nass, obwohl es gar nicht geregnet hatte. Unsere Lebensmittel neigten sich dem Ende zu, war insgesamt ein gutes Timing. Auf den letzten 12 km nach Agua Dulce durch die Vasquez Rocks gelaufen, gewaltige Felsformationen. Hier wurden bereits dutzende Kinofilme gedreht (Startrek, Planet der Affen, Games of Thrones u.a.). Tatsächlich war gerade ein Team der Universal Studios vor Ort! In Agua Dulce dann gleich zum Mexikaner und gut gegessen. Dannn Kaffee im Sweetwater Cafe gegenüber. 


Am Abend dann zum etwa eine Meile entfernten "Hikers Heaven" gefahren. Man glaubt es nicht: Auf dem riesigen Anwesen der Saufleys ist ein wahrer Campingplatz mit kompletter Infrastruktur entstanden. Etwa 40 Zelte standen im Garten. Auf dem Gelände leben außerdem Pferde, Hunde und Hühner. Wäsche wurde für einen gemacht, die Garage war voll gestopft mit Postpaketen, es gab ein Zelt im dem man seine Geräte aufladen konnte. Dort gab es auch zwei Singer-Nähhmaschinen 😊 für Reparaturen und daneben Freiluftduschen und eine Haarschneidestatione. Im Guesthouse hatte man ein Badezimmer mit Dusche, eine voll ausgestattete Küche und ein Wohnzimmer, in dem eine kleine Gruppe die neueste Folge von GOT (Game of Thrones) gebannt verfolgte. Alles unterstützt von einigen freiwilligen Helfern. Und alles umsonst! Hier ist der Spruch: "Amerika, das Land der unbegrenzten Möglichkeiten" noch wörtlich zu nehmen. Abends noch lange mit vielen anderen um ein Feuer gesessen. Mit Stefan und ... Mike-Downhill, der bereits einen Tag zuvor angekommen war. In der Nacht dann Regen, mal sehen, wie sich unser Zelt dieses Mal schlägt!